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Chronik der „Liedertafel 1842 Birstein e. V.“



Der Gesangverein „Liedertafel“ ist der älteste Birsteiner Verein. Seine Gründung spiegelt das Bedürfnis der Bevölkerung nach Freiheit und Einheit in einem zersplitterten Deutschland wider.
In vier dicken Protokollbüchern schildern die „Sekretäre“ und später „Protokollführer“ den Werdegang der „Liedertafel“ durch das Auf und Ab der bewegten deutschen Geschichte. Das Vereinsleben hielt den schwierigsten Zeiten stand, der Singbetrieb musste nur gegen Ende der beiden Weltkriege für relativ kurze Zeit eingestellt werden, um dann mit den Kriegsheimkehrern wieder zu neuem Leben zu erwachen:
Durch gute Zeiten und schlechte Zeiten war die Liedertafel stets ein treuer Begleiter der Menschen von Birstein und Umgebung!

Als sich am 8. Dezember des Jahres 1842 neun Männer trafen, um die „Liedertafel“ ins Leben zu rufen, war schon eine „Liedertafelbewegung“ in den deutschen Kleinstaaten im Gange, die 1809 von der preußischen „Berliner Liedertafel“ ausging. Diese Bewegung erreichte recht früh das damals zu Kurhessen gehörende Birstein, wo der „weltoffene“ Fürst Wolfgang Ernst III. von Isenburg den Birsteiner Bürgern half, das kulturelle Leben zu entfachen. Von Beginn an unterstützte er unseren Verein mit 50 Gulden jährlich, um die „Kosten zu zahlen, solange derselbe bestehen wird“. Noch heute steht das fürstliche Haus treu zur damaligen äußerung und unterstützt den Verein mit regelmäßigen Spenden und der übernahme des „Protektorates“, welches zuletzt durch I. D. Fürstin Christine von Isenburg in Form der Schirmherrschaft für die Feierlichkeiten zu unserem 160-jährigen Jubiläum zum Ausdruck gebracht wurde.
Was war das für eine Zeit, in der die „Liedertafel“ aus der Taufe gehoben wurde ? Durch die Zersplitterung Deutschlands in viele Kleinstaaten und der damit verbundenen Rechtsunsicherheit wurde im gesamten Volk das Bedürfnis nach „Einigkeit, Recht und Freiheit“ immer stärker. Hoffmann von Fallersleben brachte diese Sehnsucht deutlich zum Ausdruck, indem er ein Jahr vor der Gründung der „Liedertafel“ das „Lied der Deutschen“ auf Helgoland schrieb. Dieses Lied wurde später im nationalsozialistischen Deutschland missbraucht und kommt heute in der dritten Strophe wieder als Nationalhymne zu verdienten Ehren.
An diesem Beispiel sehen wir, welch hochpolitische Funktion dem Lied im allgemeinen damals zukam. Zudem war die Pflege des Gesanges in Zeiten der nun folgenden Missernten und Hungersnöten der Jahre 1843/44 eine geistige „Ersatznahrung“. Vielleicht ist auch deshalb nichts von Aufständen im Fürstentum Isenburg zu Birstein zu spüren.
Die damaligen Einheitsbestrebungen kamen auch im Vereinsleben zum Ausdruck: Am 10. September 1843 beschloss man, sich mit den Sängervereinen von Wenings und Steinau zur „Oberländischen Concordia“ zusammenzuschließen. Man traf sich in der Mitte, Birstein, wobei die Sänger aus Wenings mit Wagen und Fahne am Vormittag anreisten, wobei zunächst gemeinsam geprobt und später „unter vielem Beifall gesungen“ wurde. Der Fürst unterstützte die Geselligkeit mit über 100 Flaschen „Hochheimer“ aus seinem Weingut und spendete die erste Fahne für den Verein. Zu Wenings unterhalten wir auch heute noch gute Kontakte, während der Steinauer Männergesangverein, der übrigens schon 1838 gegründet wurde, in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts aus Mangel an Beteiligung „einschlief“.

Am 19.Oktober 1863, dem 50. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig,als Napoleon endgültig aus den deutschen Landen vertrieben wurde, umrahmte die Liedertafel erneut eine politische Feier, diesmal auf dem Kutschenstein: In einem feierlichen Festakt wurden die beiden heute noch fest verwurzelten Linden als Freiheitszeichen gepflanzt.
Die wachgehaltenen Einheitssehnsüchte erfüllten sich nun ab 1871 im Deutschen Kaiserreich, wobei mehrfach vom feierlichen Begehen des kaiserlichen Geburtstages berichtet wird. So schrieb sogar die öffentliche Presse am 27. 1. 1885 anerkennend über unser Vereinsleben: „Es mag nur wenige Dörfer im deutschen Vaterlande geben, in welchen die Feier des Geburtstages Sr. Majestät so allgemein und so glänzend gefeiert wurde, wie in Birstein... und unter der bewährten Leitung des Herrn Lehrer Dauth kamen Gesangsstücke und die theatralischen Aufführungen von dem Gesangverein „Liedertafel“ zum Vortrag gebracht, vortrefflich zur Wirkung...“

Auch die Geburtstage der Fürsten waren immer wieder Höhepunkte in der Vereinsgeschichte. So wird aus dem Jahre 1914 berichtet:
Am Vorabend des Geburtstages seiner Durchlaucht der Fürsten veranstalteten sämtliche hiesige Vereine einen prächtigen Fackelzug, de sich von den Linden auf der Sotzbacher Höhe nach dem Schlosshofe bewegte. Hier erfolgten Vorträge des Gesangvereins und Musikvereins, während Herr Lehrer Kling in einer Ansprache Seine Durchlaucht, den Fürsten, feierte....

Von reger Zusammenarbeit mit den Veranstaltungen der ev. Kirchengemeinde kann man aus dem Jahre des Kriegsbeginns 1914 erfahren: Die „Liedertafel“ umrahmte die Wiedereinweihung der im Vorjahr abgebrannten Kirche und beging in Anwesenheit der fürstlichen Familie gemeinsam mit dem Kirchenchor einen geselligen Familienabend.
Nach bewegten Kriegsjahren und der revolutionären Beseitigung der Monarchie nach dem 1. Weltkrieg besann man sich in Birstein auf ein Zusammenrücken der Menschen und Vereine: Die Liedertafel gestaltete wieder Konzerte, Familienfeiern mit der Feuerwehr, nahm an der Einweihungsfeier des Ehrenmals für die im Weltkrieg gefallenen Soldaten (1928) sowie der Bannerweihe des Sportvereins (1930) oder an der 25.Jubelfeier des Birsteiner Radfahrervereins teil.

Nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 beschloss man „ in Anbetracht der mißlichen wirtschaftlichen Verhältnisse von der Veranstaltung eines größeren Festes abzusehen“ und zur 90-Jahr-Feier im Vereinslokal nur eine kleine Erinnerungsfeier abzuhalten. In den nun folgenden Jahren wurde unser Verein, wie alle anderen auch, ins unpolitische Abseits gestellt. So wurden allen Gesangvereinen eine neue Satzung vom Sängergau Nassau und der Reichsmusikkammer aufgezwungen, um selbst den Gesang auf einer Linie „gleichzuschalten“. Der Gesang erfüllte aber dennoch eine wichtige „Ventilfunktion“.
Erst nach überstandenem 2. Weltkrieg, in dessen beiden letzten Jahren der Singbetrieb aus Mangel an Sängern eingestellt wurde, konnten die Aktivitäten zum Wohle der Menschen wieder aufleben: Am ersten Weihnachtstag 1946 stellte sich die „Liedertafel“ zu einer Bescherungsfeier für die Heimatvertriebenen , nun Neubürger von Birstein, im Saale Luft ( später Kino ) zur Verfügung. Sehr bewegend müssen auch die Empfänge für die Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft gewesen sein. So wurden beispielsweise Hans Mohr am 3. 12. 1948 ( aus französischer Kriegsgefangenschaft ) und Bahnhofswirt Karl Volz am 14. 12. 1948 ( aus russischer Gefangenschaft) mit Liedern wie „Heilige Nacht“ in der Heimat willkommen geheißen.
Da das 100-jährige Bestehen der Liedertafel mitten in den schlimmen 2. Weltkrieg gefallen war, beschloss man das 110-jährige Jubiläum mit einer großen Feier mit Festzug und Zelt auf der Ochsenwiese zu begehen.
Besonders in den Jahren des Wiederaufbaues wurde der Gesang neu belebt. Nun kamen eine Reihe von Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten hinzu, für die das Vereinsleben eine willkommene Integrationshilfe war. Auch die „Liedertafel“ profitierte von dieser Bewegung, da diese Menschen aus musikalisch aktiven Gebieten, wie Egerland, Böhmen, Mähren oder Schlesien stammten. Viele Menschen konnten sich nun wieder ein „normales“ Leben nach dem Krieg aufbauen und so mancher junge Mann hat sein erstes Bier nach der „Singstunde“ im Vereinlokal „Isenburger Hof“ von Sophie und Ludwig Koch serviert bekommen. Das Bild zeigt, wie die Geselligkeit bei Feierlichkeiten gepflegt wurde.

Geselligkeit

Ein Höhepunkt des Vereins war die Verleihung der „Zelter-Plakette“ im Jahre 1958 in Wiesbaden. Diese hohe Auszeichnung wird nur Vereinen verliehen, die mindestens 100 Jahre alt sind und sich um das kulturelle Leben in ihrer Heimatgemeinde besondere Verdienste erworben haben.
Aufschwung erhielt das Vereinsleben auch, als der Musiklehrer Friedrich Schäfer 1966 das Dirigentenamt übernahm, das er bis 1990 innehatte. Durch Eigenkompositionen, wie dem „Vogelsberglied“ und seine fachliche Qualifikation als Dirigent und Musiker konnte er Nachwuchs anziehen. In diese Zeit fällt auch die Gründung unseres Frauenchores im Jahre 1974, der zunächst einen eigenen Vorstand bildete, aber inzwischen im gemeinsamen Vorstand voll integriert ist .Der Frauenchor ist inzwischen zu einer festen Größe im Verein geworden und steht in der Anzahl der Sängerinnen dem Männerchor nicht nach.
Männerchor, Frauenchor und Kinderchöre der Liedertafel veranstalteten einige großartige Konzerte in der Schulturnhalle, die auch durch Sologesänge oder lustig-melancholische Moderation durch Fritz Walther angereichert wurden. Sowohl bei den Akteuren, als auch bei den Zuschauern fanden diese Konzerte großen Zuspruch, wie das Bild aus dem Jahre 1981 beweist.

Konzert

Ein Jahr nach der Grenzöffnung zur DDR wurde im Jahre 1990 unter dem Vorsitzenden Norbert Prinz eine Sängerfreundschaft zum Männerchor in Schönfeld/Sachsen ins Leben gerufen, die sich inzwischen durch jährliche gegenseitige Besuche so gefestigt hat, dass sie zu einem festen Bestandteil des Vereinslebens geworden ist. So pflanzte Vorsitzender Sigmund Schuster im Jahre 1996 einen „Erinnerungsbaum“ für die Liedertafel auf dem Schönfelder Kindergarten und Schulgelände.

Erinnerungsbaum

Ein Höhepunkt im Rahmen dieser Freundschaft war auch ein Auftritt in der Semperoper in Dresden. Inzwischen kam es im Jahre 2011 zum 22. Treffen mit den Schönfeldern, diesmal in Birstein. Ein stets schönes Begleitprogramm mit zahlreichen Besichtigungen in Dresden oder Berlin, mit Besuchen im Erzgebirge, Elbsandsteingebirge, Zittauer Gebirge oder Spreewald haben die inzwischen engen Kontakte zum „Osten“ bereichert. So hat sich auch die politische Funktion der „Liedertafel“ in unserer Zeit bestätigt: Der aktuelle Vorsitzende Josef Tögel betont: „Wir haben auf menschlicher Ebene unseren Beitrag dazu geleistet, dass zusammengewachsen ist, was zusammen gehört“.

Feste Bestandteile unseres aktuellen Vereinslebens bestehen in der Teilnahme an persönlichen und örtlichen Jubiläen und Gedenkfeiern, wie „runden“ Geburtstagen, Hochzeiten, aber auch Begleitung bei Beerdigungen, sowie Konzertveranstaltungen, Singen im Altenheim, in Gottesdiensten oder auf dem Weihnachtsmarkt. Die besonderen Verbindungen zum Fürstlichen Haus werden durch das alljährliche Schlosshofkonzert sowie der Begleitung von persönlichen Jubiläen, wie Geburtstagen oder Hochzeiten gepflegt.
„Frischen Wind“ erhielt die Liedertafel seit dem Oktober 2001, als unser junger Dirigent Stefan Riedl das „musikalische Zepter“ von Martin Winter, der uns 10 Jahre in diesem Amt diente, übernahm. In diese Zeit fiel auch die Gründung des „jungen Chores“, der heute als „Mix-Dur“-Chor moderneres Liedgut mit Showeinlagen präsentiert.
Seit 2003 hat der bewährte Dirigent Friedrich Schäfer das Dirigentenamt wieder übernommen und dirigiert seither alle 4 Chöre der Liedertafel: Männerchor, Frauenchor, welche als gemischter Chor auch gemeinsam singen sowie den „Mix-Dur“-Chor.
In den Jahren 2008 und 2009 beschritt die Liedertafel mit der Trägerschaft der neu gegründeten „Birsteiner Festspiele“ abermals Pionierwege. In insgesamt 10 Aufführungen wurde das von der Tochter unseres früheren Vorsitzenden Sigmund Schuster, Thalia Schuster, geschriebene Open-Air-Musical „Das Wilde Weib“ im Birsteiner Schlossgarten uraufgeführt. Die Musik dazu schrieb Jochen Flach, die von einem 20-köpfigen Orchester gespielt und von Harald Dittmeier als musikalischem Leiter umgesetzt wurde. Thalia Schuster selbst führte Regie über ein ca. 60-köpfiges Schauspiel- und Gesangsensemble. Die 10 Veranstaltungen waren allesamt ausverkauft und fanden in der Bevölkerung, in der Presse, in Funk und Fernsehen äußerst positive Resonanz.

Ein weiteres Projekt „Weihnachtskonzert“ im Jahre 2010 brachte vor allem einen Zuwachs im Bereich des Frauenchores. Beim Männerchor muss leider ein kontinuierlicher Rückgang der Chorstärke registriert werden, der trotz Bemühungen aufgrund der Altersstruktur bis jetzt nicht aufgehalten werden konnte- Deshalb probt der Männerchor einmal im Monat mit den Männern der benachbarten „Eintracht Unterreichenbach“, um an „alte“ Chorstärkenzahlen von 30 Sängern anknüpfen zu können.

Die „Liedertafel“ wirbt um neue Sängerinnen und Sänger. Es würde uns sehr freuen, wenn sich vor allem gesangsbegeisterte Männer aber auch Frauen dem Traditionsverein anschließen würden, um den Chorgesang zu pflegen, der vielen Generationen vor uns viel Freude bereitet hat und zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens in unserer Gemeinde und Gesellschaft gehört.

Verfasser: Josef Tögel (Vorsitzender)
© 2016 Liedertafel 1842 e.V. Birstein